virtuelle Fachbibliothek Sportwissenschaft

Dissertation: Sebastian Ruin


Logo Weltoffene Hochschule

naechste Seite uebergeordnete Seite vorige Seite

Dissertation: Sebastian Ruin

Dissertation / Doktorarbeit / Thesis

Deutsche Sporthochschule Köln
Institut für Schulsport und Schulentwicklung
Symbol

Ruin, Sebastian (2015): Körperbilder in Schulsportkonzepten. Eine körpersoziologische Untersuchung Zusammenfassung:
Zusammenfassung

Der Umgang mit dem Körper kann immer auch als Ausdruck der kulturellen Existenz des Menschen und damit seines Verhältnisses zur Natur angesehen werden. Historisch betrachtet haben gesellschaftliche Veränderungen und wissenschaftlicher Fortschritt in dieser Beziehung jedoch zahlreiche Verände-rungen bewirkt (vgl. z. B. Elias, 1976; Foucault, 1977). So rückt der Körper seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert in unseren westlichen Gesellschaften auf neue, besondere Weisen in den Fokus (vgl. Gugutzer, 2004). Sichtbar wird dies z. B. im Fitnessboom, in groß angelegten öffentlichen Gesundheitskampagnen, der Organspendediskussion, in immensen medialen Inszenierungen von Sportereignissen oder auch in Trends, wie Human-Enhancement.
Wenngleich sich solche Veränderungen auf diversen Feldern in vielen Le-bensbereichen auswirken, kommt dem Sport in diesem Kontext sicherlich eine besondere Bedeutung zu. Hier werden Körper z. B. in performativen Akten zur Aufführung gebracht und der Umgang mit dem Körper somit für jeden sichtbar; Inszenierungen denen seit Ende des 20. Jahrhunderts zudem eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird (vgl. z. B. Alkemeyer & Schmidt, 2003).
Der Schulsport – als Vermittlungsinstanz körperbezogener Kulturpraktiken – nimmt dabei vermutlich eine wichtige Rolle ein. In einem ansonsten stark rati-onal geprägten Schulsystem wird die Leiblichkeit des Menschen (und damit sein Körper) nahezu ausschließlich im Fach Sport zum Unterrichtsinhalt. Einerseits kommt dem Schulsport so die Vermittlung des vielfach als zweckfrei be-zeichneten Kulturguts Sport – und damit verbunden die sinnhafte Erfahrung der eigenen Leiblichkeit – zu (vgl. u.a. Grupe, 1984), andererseits ist er entstanden aus einer Tradition instrumenteller Vereinnahmung von Körpern, nicht selten auch für militärische Zwecke (vgl. z. B. Krüger, 1996). Somit bewegt sich der Schulsport im historischen Verlauf zwischen einer Instrumentalisierung des Körpers und einem entdeckenden Erfahren der eigenen Leiblichkeit.
In der Untersuchung wird auf Grundlage körpersoziologischer Theorien (z. B. Bourdieu, 1989; Foucault, 1977; Goffman,1971) der Frage nachgegangen, wo der Schulsport in dem aufgezeigten Spannungsverhältnis von Instrumentalisie-ren und Entdecken aktuell verortet werden kann. Ausgehend von körpersozio-logischen Kategorien werden die gängigen sportpädagogischen Positionen der letzten Jahrzehnte hinsichtlich der in ihnen transportierten Körperbilder befragt. In einem weiteren Schritt wird auf der programmatischen Ebene von Sportlehrplänen eine diachrone Analyse der Körperbilder in den Lehrplänen der letzten zwei Dekaden vorgenommen.
Die Ergebnisse zeigen einerseits äußerst divergierende Körperbilder in den verschiedenen sportpädagogischen Ansätzen. Andererseits werden auf curri-cularer Ebene in den 1990er Jahren Öffnungsprozesse erkennbar, die ein stärkeren Erfahren der eigenen Leiblichkeit in den Fokus rücken. Mit den ak-tuellen kompetenzorientierten Lehrplänen unterliegen diese Öffnungsprozesse jedoch wieder einer Verengung. Hier wird vielmehr eine Tendenz erkennbar, die Körper der Schülerinnen und Schüler an der Norm eines fitten und gesunden Körpers auszurichten.

Summary

Dealing with the body can always be seen as an expression of man’s cultural existence and therefore his relationship to nature. Historically however, social changes and scientific progress have effected numerous changes in this respect (cf. e.g. Elias, 1976. Foucault, 1977). From the late 20th century, the body has therefore come into focus in our Western societies in new and special ways (cf. Gugutzer, 2004). This can be seen, for example, in the fitness boom, in large-scale public health campaigns, the organ-donor discussion, in the immense media presentations of sporting events or in trends such as human enhancement. Although such changes affect various fields in many areas of life, sport certainly has a special importance in this context. Here, the body is visible, for example in performative acts and the handling of the body is thus there for everyone to see; performances that have also received particular attention since the end of the 20th century (cf. e.g. Alkemeyer & Schmidt, 2003).

School sport – as a mediator of body-related cultural practices – supposedly takes on an important role. In an otherwise heavily rationally dominated school system, the physical nature of man (and thus his body) is almost exclusively dealt with during sports teaching. On the one hand, school sport therefore be-comes an agent for what is often called the meaningless cultural asset of sport – and the associated meaningful experience of one’s own corporeality – (cf., inter alia Grupe, 1984), while on the other hand it has grown out of a tradition of instrumental appropriation of the body, often for military purposes (cf. e.g. Krüger, 1996). In the course of history, school sport has thus moved between an instrumentalisation of the body and a discovering experience of one’s own physicality.

On the basis of body-sociological theories (e.g. Bourdieu, 1989; Foucault, 1977; Goffman, 1971), this study examines the question of where school sport can currently be placed in the identified tense relationship between instrumen-talisation and discovery. Starting from body-sociological categories, the popular sport-pedagogical positions of recent decades are scrutinised in terms of the images of the body they convey. In a further step, at the programmatic level of sports teaching plans, a diachronic analysis is made of body images in the curricula of the past two decades. The results show extremely divergent body images in the various sports pedagogies on the one hand, while on the other hand opening processes towards greater experience of one’s own physicality can be seen at curricular level in the 1990s, which are again subject to constriction under the current competency-based curricula. Here, in fact, a tendency of aligning the pupils’ body with the standard of a fit and healthy body can be recognised.


29.04.2017 - 03:18