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Dissertation: Anja Steinbacher


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Dissertation: Anja Steinbacher

Dissertation / Doktorarbeit / Thesis

Deutsche
Psychologisches Insitut / Abteilung Gesundheit & Sozialpsychologie
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Steinbacher, Anja (2011): Erfassung körperlicher Befindlichkeit im Sport - Studien zur Anwendbarkeit und Validität des Antwortformats ''Kognitives Dilemma''

Zusammenfassung:
Das übliche Antwortformat in der Befindlichkeitsdiagnostik ist die Likertskala. Bei diesem Antwortformat besteht jedoch aufgrund der leichten Durchschaubarkeit die Gefahr, eine stark kognitiv bzw. rational gesteuerte Antwort auf die Frage nach der eigenen körperlichen oder emotionalen Befindlichkeit zu erhalten. Um die affektiven Anteile einer Befindlichkeitsantwort zu betonen und die kognitiven Anteile zu reduzieren, wurde das Antwortformat Kognitives Dilemma (KoDi) entwickelt (Kleinert, 2004). Dieses Antwortformat soll weniger durchschaubar, d.h. beeinflussbar, sein und Messfehler, die dem kognitiven Anteil zugeordnet werden können, reduzieren. Dazu gehören zum Beispiel Antworttendenzen im Sinne der sozialen Erwünschtheit, Jasage- oder Mittentendenzen. Das neue Antwortformat zielt auf eine Überbeanspruchung der kognitiven Systeme ab, indem der Befragte die Aufgabe hat, sich zwischen zwei ähnlichen positiv oder negativ konnotierten Ausprägungen zweier semantischer Kategorien unter Zeitdruck zu entscheiden.
Am Beispiel der Erhebung der aktuellen körperlichen Befindlichkeit wurde das neue Antwortformat eingesetzt. Basis hierfür bildeten die Items der Skala zur wahrgenommenen körperlichen Verfassung (WKV-20; Kleinert, 2006). Aufgrund der Konzeption des neuen Antwortformats wurde eine gleiche Anzahl an positiven und negativen Adjektiven benötigt. Aus diesem Grund erfolgte eine Modifikation sowie Reduktion von 20 auf 16 Items (WKV-16).
Ziele dieser vorliegenden Dissertation waren (1) die Überprüfung der Validität der WKV-16 mit dem neu entwickelten Antwortformat KoDi, (2) die Überprüfung der Verlässlichkeit des neu entwickelten Antwortformats KoDi im Vergleich zu Ratingskalen (Likert und Semantisches Differential) auf der Basis eines gleichen Itempools sowie (3) die Überprüfung der Variabilitätssensitivität der WKV-16 mit dem Antwortformat KoDi.
Auf der Grundlage dieser Ziele wurden im Rahmen dieser Dissertation vier Studien durchgeführt. In Studie 1 (Sportmotorische Fähigkeiten und körperliche Befindlichkeit) wurden sowohl die WKV-16 mit KoDi als Antwortformat als auch die WKV-20 (Kleinert, 2006) vor verschiedenen Tests zur Erhebung von sportmotorischen Fähigkeiten bei jugendlichen Nachwuchsfußballspielern (n = 111) eingesetzt. Es folgten Analysen zur Bestimmung der konvergenten, faktoriellen und kriterienbezogenen Validität, die allesamt nicht zufriedenstellend ausfielen.
In Studie 2 (Belastung und Befindlichkeit) wurde die WKV-16 mit den Antwortformaten KoDi und Likert vor und nach einer kognitiven und sportlichen Belastung bei 271 Sportstudierenden eingesetzt, um Hinweise für die Variabilitätssensitivität zu bekommen und die Antwortformate miteinander zu vergleichen. Die Variabilitätssensitivität konnte für beide Antwortformate nachgewiesen werden. Der Vergleich der Antwortformate führte zu keinen Unterschieden in den Befindlichkeitsergebnissen. Zusätzlich erfolgte die Überprüfung der diskriminanten Validität mithilfe eines Verfahrens zur Erhebung der psychischen Befindlichkeit (EZK; Kleinert & Engelhard, 2002, modifiziert nach Nitsch, 1976). Die Ergebnisse zeigten eine akzeptable diskriminante Validität der WKV-16 mit dem Antwortformat KoDi.
In einem experimentellen Design wurde in Studie 3 (Manipulation der Herzfrequenz und körperliche Befindlichkeit) die Beeinflussbarkeit der Antwortformate überprüft, indem den Untersuchungsteilnehmern (n = 60) während einer fahrradergometrischen Belastung ein mani-puliertes Herzfrequenzfeedback zurückgemeldet wurde. Es wurde vermutet, dass die Manipulation der Rückmeldung einen Einfluss auf die Befindlichkeit bei Verwendung der Ratingskalen (Likert und Semantisches Differential) hat, bei Nutzung des Antwortformats KoDi jedoch nicht. Diese Annahme konnte nicht bestätigt werden. Lediglich im Antwortformat KoDi zeigten sich Einflüsse des manipulierten Herzfrequenzfeedbacks, nicht jedoch bei den Ratingskalen.
In der vierten Studie (Soziale Erwünschtheit und körperliche Befindlichkeit) wurden die Antwortformate KoDi, Likert und Semantisches Differential wiederum bei Sportstudierenden (n = 90) verglichen sowie der Einfluss der sozialen Erwünschtheit auf die Befindlichkeitsangaben für jedes Antwortformat separat überprüft. Die Erhebung der sozialen Erwünschtheit erfolgte mithilfe des BIDR (Musch et al., 2002). Während der Vergleich der drei Antwortformate zu keinen Unterschieden führte, zeigte sich bei Berücksichtigung der sozialen Erwünschtheit ein tendenzieller Unterschied zwischen den Antwortformaten Likert und KoDi.
Zusammenfassend führen die Ergebnisse zu der Erkenntnis, dass die WKV-16 mit dem Antwortformat KoDi kein valides Erhebungsverfahren ist. Der Vergleich der Antwortformate zeigt keine Unterschiede. Demnach kann nicht davon ausgegangen werden, dass bei der Nutzung des Antwortformats KoDi die affektiven Anteile einer Befindlichkeitsantwort hervorgehoben und die kognitiven Anteile reduziert werden. Vielmehr scheint das neue Antwortformat ebenso anfällig für Messfehler zu sein wie die Ratingskalen. Die Untersuchungen zur Variabilitätssensitivität bestätigen, dass das Verfahren ausreichend variabilitätssensitiv ist.
Der Einsatz der WKV-16 und dem Antwortformat KoDi eignet sich derzeit nicht für wissenschaftliche Untersuchungen. Zuvor sollte die Itemliste überarbeitet werden und weitere Validitätsprüfungen folgen. Aufgrund der nachgewiesenen Variabilitätssensitivität und der Ähnlichkeit der Befindlichkeitsergebnisse bei den verschiedenen Antwortformaten könnte die WKV-16 mit verschiedenen Antwortformaten bei Mehrfachmessungen als eine Art Screening eingesetzt werden. Dabei sollten die Ergebnisse jedoch nur im intraindividuellen Vergleich betrachtet werden.

Summary:
The common response format in state diagnostics is the Likert scale. Due to its transparency, this response format bears the risk of receiving highly cognitive or rationally controlled answers to questions about one’s own physical and emotional states. In order to underline the affective proportion of an existential orientation answer and to reduce the cognitive proportion, the response format Cognitive Dilemma (KoDi) was developed (Kleinert, 2004). This answer format is suggested to be less transparent, i.e. influenceable, and to also reduce measurement errors that can be accounted for in the cognitive proportion. This includes, for example, an answer tendency according to social desirability, yes-expression and central tendency bias. The new response format targets on an overstraining of the cognitive systems by giving the interviewee the task to decide between two values of two semantic categories that are similar in their positive and negative connotation. This decision must be taken under time pressure.
The new response format was applied during the ascertainment of perceived physical state. The items of the adjective list for assessing Perceived Physical State were the basis (WKV-20; Kleinert, 2006). Due to the conceptual design of the new response format, an equal number of positive and negative adjectives was required. Therefore, the items were modified and reduced from 20 to 16 items (WKV-16).
The aims of this dissertation were the verification (1) of the validity of WKV-16 with the newly developed response format KoDi, (2) the reliability of the newly developed response format KoDi in comparison with rating scales (Likert scale and semantic differential) on the basis of an equal item pool as well as (3) the verification of the change sensitivity of WKV-16 with the answer format KoDi.
Based on these aims, four surveys were accomplished in this dissertation. In survey 1 both WKV-16 with the response format KoDi as well as WKV-20 (Kleinert, 2006) were applied in pre-tests to ascertain the sport motor abilities of junior football players (n = 111). This was followed by analyses to identify convergent, factorial and criteria based validity. The turn out was not satisfactory.
In survey 2 both WKV-16 with the response format KoDi and Likert were applied in pre- and post-tests of cognitive and physical activity with 271 students of sport science. The aim was to receive information on the sensitivity of variability and to compare the response formats with each other. The sensitivity of variability could be proven for both answer formats. The comparison of the answer formats did not imply any differences in the results concerning the physical states. In addition, a verification of the discriminant validity took place with the help of a procedure to ascertain the psychological state (EZK; Kleinert & Engelhard, 2002, modified on the basis of Nitsch, 1976). The results showed an acceptable discriminant validity of WKV-16 with the response format KoDi.
In an experimental design, survey 3 verified the interference of the answer formats by giving subjects (n = 60) a manipulated feedback on their heart rate during a test on a bicycle ergometer. It was assumed that the manipulation of the feedback would influence the perceived physical state while using a rating scale (Likert scale and semantic differential). It was assumed it would not influence the use of the response format KoDi. This assumption was not verified. The manipulated heart rate feedback only showed influence on the answer format KoDi, but not on the rating scales.
In survey 4 the response formats KoDi, Likert scale and semantic differential were again compared by testing students of sport science (n = 90). The influence of social desirability on perceived physical state was verified separately for each response format. The ascertainment of social desirability was carried out with the help of the German translation of the Balanced Inventory of Desirable Responding (BIDR; (Musch, Brockhaus & Bröder, 2002). While the comparison of the three response formats did not reveal any differences, the consideration of social desirability did reveal a tendency to differ between the response formats Likert scale and KoDi.
In summary, these results conclude that WKV-16 with the response format KoDi is not a valid ascertainment procedure. The comparison of the answer formats does not reveal any differences. Therefore, the usage of the response format KoDi will not underline the affective proportions and reduce the cognitive proportions of perceived physical state answers. Rather, the new response format seems to be just as prone to measurement errors as the rating scales. The analyses on the sensitivity of variability verify that the procedure is sufficiently sensitive to variability.


29.04.2017 - 03:18