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Dissertation: Sabine Juengling


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Dissertation: Sabine Juengling

Dissertation / Doktorarbeit / Thesis

DSHS Köln
Psychologisches Institut
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Juengling, Sabine (2010): Ermüdung und Risikoverhalten ~\\ - Untersuchung zur belastungsabhängigen Veränderung von situativer Risikobereitschaft -

Zusammenfassung:
Zusammenfassung

Aufgrund der Tatsache, dass die Unfallhäufigkeit von Personen unter Ermüdung erhöht ist, liegt die Vermutung nahe, dass zwischen Ermüdung und Risikoverhalten ein Zusammenhang besteht. Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, den Zusammenhang von Ermüdung und Risikobereitschaft in bewegungsbezogenen Risikosituation zu untersuchen. Es wird davon ausgegangen, dass sowohl physische als auch psychische Belastung über Beanspruchungsprozesse zur Ermüdung einer Person führt und als Konsequenz eine erhöhte situative Risikobereitschaft zur Folge hat. Die erhöhte situative Risikobereitschaft sollte sich in konkret beobachtbarem Risikoverhalten zeigen.
Bei der Sichtung von geeigneten Verfahren zur Erfassung der beiden Konstrukte Ermüdung und situative Risikobereitschaft wurde deutlich, dass im Bereich der Ermüdung fundierte Verfahren vorliegen, insbesondere aber im Bereich der Erfassung von Risikobereitschaft und des Risikoverhaltens in einer bewegungsbezogenen Risikosituation noch Forschungsbedarf besteht. Für die vorliegende Arbeit wurden daher in einem ersten Schritt zwei realitätsnahe Methoden zur Erfassung der körperbezogenen situativen Risikobereitschaft im Bereich der Bewegung und des Sports entwickelt, der Blindsprung-Test und der Video-Test „Virtueller Absprung“. Der Blindsprung-Test beinhaltet eine für den Teilnehmer reale Risikosituation, die Risikosituation im Video-Test „Virtueller Absprung“ ist nur virtuell gegeben. Bei der in beiden Verfahren gestellten Risikosituation handelt es sich um eine Sprungsituation, in der die Testteilnehmer die Absprungshöhe selbst wählen können. Dabei ist es Aufgabe der Teilnehmer, jeweils die größtmöglichste Höhe auszuwählen, aus der ihrer Meinung nach ein Absprung noch ungefährlich möglich ist.
Vor dem Einsatz in der Hauptuntersuchungsphase erfolgte die Prüfung der Einsetzbarkeit der beiden Methoden in mehreren voneinander unabhängigen Voruntersuchungen. Die Ergebnisse weisen auf die Reliabilität und auch Validität der entwickelten Verfahren hin, so dass deren Einsatz im weiteren Verlauf des Forschungsprojektes möglich war.
Innerhalb der folgenden beiden Hauptuntersuchungen (zweiter Schritt) wurde die Ermüdung kontrolliert variiert und die situative Risikobereitschaft vor und nach der Ermüdung über die beiden Methoden erfasst. Betrachtet man die Ergebnisse der Hauptuntersuchungen zusammenfassend, so ergeben sich Hinweise auf einen Zusammenhang von psychischer und physischer Ermüdung und situativer Risikobereitschaft. Die vermutete Erhöhung der situativen Risikobereitschaft unter Ermüdung wurde allerdings nicht bestätigt. Vielmehr zeigen die Ergebnisse, dass physische und psychische Belastung in einem virtuellen Setting zu einer Verringerung der situativen Risikobereitschaft führt. In einem realen Setting hatte physische Ermüdung keinen Einfluss auf die Risikobereitschaft. Psychische Ermüdung hingegen führte im Einklang mit den Ergebnissen der Untersuchung im virtuellen Setting, zu einer verringerten Bereitschaft, Risiken einzugehen.
Es ist anzunehmen, dass insbesondere die Untersuchungsergebnisse aus dem realen Setting auf Alltagssituationen übertragbar sind. Insgesamt dürfte demnach als unfallauslösender Faktor nicht allein eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit durch Ermüdung gesehen werden, auch die situative Risikobereitschaft einer Person scheint eine Rolle zu spielen. Psychische Ermüdung hat scheinbar aufgrund der verringerten situativen Risikobereitschaft vorsichtigeres Verhalten bei Sport und Bewegung zur Folge. Unter physischer Ermüdung ist kein „protektiver“ Einfluss zu erkennen.
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Summary

Based on the fact that the accident rate is increased under fatigue, a coherence between fatigue and risk behavior can be assumed. The aim of the present study is to examine the said coherence between fatigue and risk acceptance in a risk situation – all in the context of activity. It is assumed that both physical and mental strains during stressful situations lead to fatigue and cause situational risk acceptance to increase. This heightened level of risk acceptance should be apparent when observing risk behavior.
When deciding on suitable methods of measuring both variables fatigue and situational risk acceptance, it became obvious that there are many established methods in the context of fatigue. In stark contrast to that there is a need for further research in the field of risk acceptance and risk behavior in risk situations in the context of activity.
Therefore, the first step of the present study was to develop two reality-oriented tools to measure physical risk acceptance in risk situations in the context of activity: the blind-jump-test and the video test “virtual jump”.
The blind-jump-test centers on a realistic risk situation for the test person, whereas the risk situation in the video test “virtual jump” is obviously just virtual.
In both tests the risk situation posed is a jump situation. The test person was to identify the maximum height which they would think it still safe to jump down from.
The applicability of the tools described was tested in multiple independent examinations before they were used in the main experimental phase. The results point towards reliability and validity of the developed tools. Consequently, their use in the present research program was deemed possible.
In the main experimental phase (second step) which followed, fatigue underwent a controlled variation and the situational risk acceptance before and after inducing fatigue was measured with the aforementioned tools. In summary one can say that the results of the main experiments offer hints to a coherence of physical and mental fatigue and situational risk acceptance, though the assumption of an increased risk acceptance under fatigue could not be verified. The results rather show that physical and mental strains lead to a decrease of situational risk acceptance in a virtual setting. In a real setting, physical fatigue did not influence risk acceptance. In accordance with the results in the virtual setting, mental fatigue leads to a decrease of willingness to take risks in the real setting as well.
It can be assumed that the results of the reality oriented experiment in particular can be applied to everyday life. With regard to the overall results it can be said that the main factor triggering accidents is not only to be seen in a limitation of performance due to fatigue. Apparently, the situational risk acceptance of a person is also relevant. Mental fatigue seems to lead to more careful behavior in sports and activity as the situational willingness to take risks is decreased. Physical fatigue did not have a “protective” influence.


15.12.2017 - 03:16