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Dissertation: Marcelo Nascimento


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Dissertation: Marcelo Nascimento

Dissertation / Doktorarbeit / Thesis

Deutsche Sporthochschule Köln
Institut für Schulsport und Schulentwicklung
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Nascimento, Marcelo (2007): Tanz und Identität~\\ Eine soziokulturelle Untersuchung der Bedeutung des~\\ Tanzes im Prozess der Identitätsentwicklung, beispielhaft~\\ durchgeführt in der brasilianischen Stadt Salvador

Zusammenfassung:
Zusammenfassung: In dieser Studie wurde der Einfluss der afro-brasilianischen Tanzkultur auf die Identitätsentwicklung der Einwohner von Salvador untersucht. Diese Tanzkultur ist das Ergebnis der Bemühungen ehemals afrikanischer Sklaven, die im 16. Jahrhundert von portugiesischen Kolonisten nach Brasilien verschleppt wurden, in einem fremden Land unter ungünstigen Bedingungen als Volk zu überleben. Als theoretischer Hintergrund wurde der Identitätsbegriff expliziert, der von James (1890) eingeführt und von Haußer (1995) zu dem hier verwendeten Verständnis weiterentwickelt wurde. Das Modell der Identitätsregulation von Haußer wurde mit dem Modell der Identitätskonstitution von Harré (1984) zu einem eigenen Modell der Identitätsförderung durch das Tanzen vereinigt.

Um die Hypothese zu prüfen, dass das Tanzen in der afro-brasilianischen Tanzkultur sich günstig auf die persönliche, soziale und kulturelle Identität auswirkt, wurde im Rahmen eines quasiexperimentellen Zweigruppen-Designs eine Stichprobe von 254 Personen in Salvador erhoben und mit einem Fragebogen und Interviews untersucht.

Für die Auswertung wurden die Personen entsprechend der Häufigkeit und Wichtigkeit des Tanzens in eine Kontroll- und verschiedene Untersuchungsgruppen unterteilt. Die abstrakt-latente Variable Identität war mit verschiedenen, sich ergänzenden Messinstrumenten in dem Fragebogen operationalisiert. Bei der Auswertung ergaben sich unter Einsatz der Faktorenanalyse fünf für das Tanzen relevante Identitätsdimensionen: Jugendlichkeit, Attraktivität, soziale Kompetenz, finanzielle Sicherheit und Religiosität. Der Einfluss des Tanzens auf diese Identitätsdimensionen wurde mit einer Reihe von multivariaten Kovarianzanalysen auf Signifikanz getestet, bei denen die Störeinflüsse Lebensalter und Sport statistisch eliminiert wurden. Diese wurden sowohl für die mit der Faktorenanalyse gefundenen Identitätsdimensionen als auch für die diesen Dimensionen zugrunde liegenden Urteilsskalen durchgeführt.

Es konnte statistisch hoch signifikant bestätigt werden, dass die afro-brasilianische Tanzkultur einen günstigen Einfluss auf die Identitätsentwicklung der Einwohner Salvadors ausübt, die regelmäßig tanzen gehen und dieser Beschäftigung einen hohen Stellenwert in ihrem Leben einräumen: Dies konnte sowohl für die persönliche und soziale als auch für die kulturelle Identität hoch signifikant festgestellt werden. Dabei wurden in verschiedenen Bereichen der Identität unterschiedlich starke Effekte gefunden, die von der Häufigkeit und dem Stellenwert des Tanzens abhängen. Die Varianzaufklärung für die Variable Tanzen fiel dabei in die gleiche Größenordnung wie dies für die Sporthäufigkeit oder das Lebensalter vorgefunden wurde, womit das Tanzen für die Identitätsentwicklung die gleiche Bedeutung zukommt wie die Ausübung von anderen Sportarten oder das Lebensalter. Aufgrund des notwendigerweise quasiexperimentellen Designs empfiehlt es sich jedoch, in weiteren Untersuchungen zu prüfen, ob sich diese Ergebnisse wiederholen lassen.

Um das Bild abzurunden, wurde die quantitative Auswertung von qualitativen Interviews flankiert. Die Interviews konnten zeigen, dass das Tanzen in Salvador unlösbar mit der afro-brasilianischen Tanzkultur verbunden und aufgrund dieser identitätsförderlichen Verbindung in der Lage ist, den immer noch sozial benachteiligten Nachkommen der afrikanischen Sklaven Lebensfreude, Selbstachtung und Stolz auf die eigene Herkunft zu vermitteln.

Abstract: In this study, the influence of Afro-Brazilian dancing culture on the identity development of the residents of Salvador was examined. This dancing culture is the result of the efforts of former African slaves - who had been taken to Brazil by Portuguese colonists in the 16th century - to survive as a people in a foreign country on unfavourable conditions. As a theoretical background, the identity term which had been introduced by James (1890) and had been developed further by Haußer (1995) to the understanding used here was explicated. Haußer´s model of identity regulation was united with Harré´s model of identity constitution (1984) to a model of identity support by means of dancing.

Within the framework of a quasi-experimental two-group design, a random survey comprising 254 persons in Salvador was carried out and a questionnaire as well as interviews were used to examine the hypothesis that - in Afro-Brazilian dancing culture - dancing has a positive effect on personal identity, social identity, and cultural identity.

For the evaluation, these persons were subdivided according to the frequency of dancing and the importance of dancing into one control group and several examination groups. The abstract latent identity variable was operationalised in the questionnaire by means of several measuring instruments complementing one another. During the evaluation, five identity dimensions relevant for dancing became evident by using factor analysis: youthfulness, attractiveness, social competence, financial security, and religiousness. The influence of dancing on these identity dimensions was tested by means of a series of multi-variant covariance analyses for significance. In these analyses, the interfering influences of age and sports were statistically eliminated. These analyses were carried out for the identity dimensions found by means of factor analysis as well as for the judgement scales these dimensions are based on.

Statistically, it could highly significantly be confirmed that Afro-Brazilian dancing culture has a positive influence on the identity development of those residents of Salvador who dance regularly and who give this activity high priority in life. This could highly significantly be ascertained for personal identity and social identity as well as for cultural identity. In various areas of identity, effects of different strength were found. These effects depend on the frequency of dancing and on the priority dancing has. The variance information for the dancing variable was on the same scale as it was found for the frequency of sports or for age. Consequently, dancing has the same importance for identity development as practising other types of sports or as age. Due to the necessarily quasi-experimental design, it, however, is recommended to check in further examinations whether these results can be repeated.

The quantitative evaluation was accompanied by qualitative interviews. These interviews showed that dancing in Salvador is inseparably connected to Afro-Brazilian dancing culture and that, due to this identity supporting connection, it is capable to give joie de vivre, self-respect, and pride concerning their descent to the offsprings of African slaves who still are socially disadvantaged.


28.04.2017 - 03:18